Marienstift

Marienstift

Neben den großen Gemeindekirchen in der Pfarrei gibt es in der Arndtstraße 85 noch ein Gotteshaus, das von außen als solches nicht erkennbar ist: Die Kapelle im Marienstift. Das über hundert Jahre alte Haus mit dem verspielten Fassadenschmuck fällt auf neben den modernen Bauten aus jüngerer Zeit in der Nachbarschaft. In den alten Mauern steckt viel Pfarreigeschichte. Im Vorgarten weist heute ein Schild hin auf den Caritas-Kindergarten „Regenbogenland“. Ein Blick auf die Außenfassade verrät mehr: Die Jahreszahl 1896 springt in leuchtend roter Farbe ins Auge, und in eisernen Buchstaben ist „Marienstift“ zu lesen. Die Entstehung dieses historischen Hauses in jenem Jahr hängt unmittelbar mit den Anfängen der Marienpfarrei und der zunehmenden Industrialisierung des Ruhrgebietes zusammen. Ende des 19. Jahrhunderts baute die junge Pfarrei St. Marien für die steigende Anzahl der Katholiken in der Lipperheide die neue Marienkirche, das St. Josef-Hospital, drei Häuser für die Kapläne und das Marienstift in der Arndtstraße.

Altarkreuz im Marienstift

Die soziale Not im Krankheitsfall in den Arbeiterfamilien war groß. Der damalige Pfarrer Schmittmann suchte nach Hilfe. 1879 erklärte sich die Generaloberin der Genossenschaft „Arme Dienstmägde Jesu Christi“ in Dernbach bereit, für die ambulante Krankenpflege in Oberhausen Schwestern zu schicken und sogar eine Niederlassung der Genossenschaft zu gründen. Der Erfolg der ersten Schwestern führte dann zur Errichtung des St. Josef-Hospitals (1884 fertig gestellt). Die Arbeit wurde mehr, die Zahl der Schwestern stieg auf neun. Sie wohnten zunächst im Krankenhaus. Der Bedarf an ambulanter Krankenpflege und sozial-caritativen Diensten in den Arbeiterfamilien wuchs beständig. Aus dem Erlös für den Verkauf des alten Kirchengrundstückes der „Heidekirche“ konnte an der Arndtstraße 85 ein Gebäude für eine Kinderbewahrschule und Handarbeitsschule errichtet werden. Im November 1901 siedelten schließlich fünf Schwestern endgültig aus dem Krankenhaus in das neuentstandene Marienstift an der Arndtstr. 85 über. Das Marienstift wurde eine selbstständige Tochter-Niederlassung des Mutterhauses in Dernbach.

Marienstift, alt

Das Marienstift beherbergte von Beginn an eine Ordensgemeinschaft und einen Kindergarten. Im Erdgeschoss war die „Kinderbewahranstalt“ untergebracht, die von den Schwestern geleitet wurde, und darüber waren die Räumlichkeiten für den Schwesternkonvent. Dazu gehörte natürlich auch eine Kapelle für ihr gemeinsames Gebet und Gottesdienste. 1963 wurde das Marienstift als Konvent aufgelöst und die Schwestern zogen wieder zurück ins Krankenhaus.

Nach über 100 Jahren wurden die Dernbacher Schwestern 1982 aus dem St. Josef-Krankenhaus abberufen. Doch konnte ein kleiner Konvent mit fünf Schwestern für einige Jahre erhalten bleiben. Er zog in das renovierte Marienstift ein. Sr. George leitete den Kindergarten im selben Hause, die anderen Schwestern arbeiteten in der häuslichen Krankenpflege. 1990 ging die Ära der Dernbacher Schwestern in Oberhausen dann endgültig zu Ende. Ihre Gräber auf dem Marienfriedhof erinnern heute noch an diese Zeit.

Marienstift, Kapelle

Das Marienstift blieb mit Leben erfüllt. Ein halbes Jahr später, am 13. Oktober 1990, zog ein neuer Konvent mit indischen Ordensschwestern ein. Die „Weltkirche“ war in St. Marien angekommen. Sr. Dora, Sr. Reesa und Sr. Arpitha waren die ersten von acht  Medical Sisters of St. Joseph aus Kothamangalam (Kerala / Südindien), die als Krankenschwestern ihre Arbeit im St. Josef-Hospital aufnahmen. Von nun an waren in der Kapelle des Marienstiftes nicht nur „deutsche Töne“ zu hören, sondern auch indische Melodien. Regelmäßig feiern die Schwestern donnerstags abends um 18.00 Uhr mit einer kleinen Gemeinde die hl. Messe in der Hauskapelle mit ihren 25 Sitzplätzen. Ein Hauch Exotik schwebt durch den Kapellenraum mit den farbigen Glasfenstern, wenn eine bunt schillernde Inschrift wie love serves (Die Liebe dient) auf der Altardecke zu lesen ist und süßlicher Weihrauchduft die eucharistische Anbetung begleitet. 5 Schwestern leben heute mit ihrer Oberin Sr. Joel im Marienstift.

Nachdem der pfarreigene Kindergarten nach 110 Jahren im Marienstift aufgelöst wurde, übernahm die Caritas 2007 den Standort für eine integrative Kindertageseinrichtung.

116 Jahre ist das Marienstift mit Kinderlärm und geistlichem Leben erfüllt. Die schlichte Kapelle mit hölzernem Altar, Tabernakel und einer Marien- und Josefstatue war und ist über all die Jahrzehnte hinweg das spirituelle Zentrum dieses Hauses geblieben. Sie steht dafür, dass die Arndtstraße 85 auch heute noch ein Ort des christlichen Glaubens ist.

Kita im Marienstift

 

Text und Fotos: Thomas Eisenmenger